Alles nur nicht persönlich
Kathrin Adamski, 07.09.2011
Melanie Mühl hat in ihrem Buch die so genannte „Patchwork-Lüge“ aufgedeckt und sitzt nun bei Frank Plasberg zur harten, aber fairen Diskussion. Es geht um das Thema: Meine, deine, unsere Kinder – wie verlogen ist das Patchwork-Glück? Was uns da geboten wird, kann sich durchaus sehen lassen. Eine eloquente Mitdreißigerin, die ihren Standpunkt zum Thema Patchwork und damit den Inhalt Ihres Buches prägnant vertritt.
Melanie Mühl schafft es spielend, sich immer wieder den verbalen Ball zu ergattern. Dann macht sie durch ihre bestimmte Art zu sprechen klar, dass sie ihren Gedanken auf jeden Fall zu Ende denken wird. Selbst ein Plasberg unterbricht sie nur selten – eine beeindruckende Seltenheit.
Und keiner macht Melanie Mühl etwas vor, wenn es um Zahlen aus der Scheidungsstatistik geht oder darum, welche Gefühle Kinder haben, wenn sich Eltern trennen oder was Stiefeltern gegenüber nicht-leiblichen Kindern empfinden.
All das hat sie für ihr Buch zusammen getragen. Daten und Fakten – belegt und bestätigt - das beeindruckt.
Hätte die Sendung nie ein Ende gehabt, hätte sich das Bild von Melanie Mühl als telegene, kompetente, glaubwürdige und authentische Gesprächspartnerin durchaus in unserem Kopf festgesetzt. Doch dann kommt sie – diese fiese, überraschende, persönliche Frage: „Sie sind verheiratet, haben aber keine Kinder. Aus dem, was Sie erfahren haben, wird das Kinderkriegen für Sie jetzt noch mehr zur Hypothek…?“
Wie auf Schmierseife fängt unsere Patchwork-Expertin an zu schlittern: „Das ist aber jetzt eine persönliche Frage“. Ach nein, gut dass Frank Plasberg das gerade angekündigt hat, sonst hätten wir es wohl nicht gemerkt. Und der meint dazu: „Sie haben ja auch ein persönliches Buch geschrieben“. Wie kann es sein, dass eine Frau, die akribisch wie ein Detektiv die Patchwork-Lüge aufdeckt, sich diese Frage nicht schon selbst gestellt hat. Der Grund ist uns egal, wir bewerten nur die Performance. Und die ist an dieser Stelle desaströs. „ Also als Scheidungskind macht man sich sicher noch mehr Gedanken….. Und wenn man selbst erfahren hat, was es bedeutet, zuckt man vor einer Entscheidung vielleicht eher zurück. Dazu gibt es auch interessante Zahlen...“
Wer ist „man“ und was sollen Zahlen und Statistiken an dieser Stelle? Wir wollten doch die persönliche Frage beantwortet haben oder? Ja - das sieht auch der Moderator so: „Sie wollen uns doch jetzt bei dieser persönlichen Frage eine Zahl vorlegen….Wird der Druck denn jetzt für Sie nicht noch größer?“
Und wieder weicht unsere sonst so eloquente Expertin aus: „Mit ja oder nein will ich diese Frage nicht beantworten“.
Wir wollen aber wissen: ja oder nein. Und man kann diese Frage mit ja oder nein beantworten, wenn man weiß, ob man ja oder nein meint, Frau Mühl.
Gestrauchelt, an der letzten - zugegeben - der schwierigsten Hürde: der persönlichen Frage. Denn hier kann sich unsere Expertin nicht hinter Zahlen und Daten verstecken, Gefühle nicht durch Eloquenz zukleistern. Hier geht es ums Eingemachte, um tatsächliche Glaubwürdigkeit. Und spätestens jetzt bekommt man als Zuschauer den Eindruck, dass ihr Buch weniger die generelle Entlarvung der Patchwork-Lüge ist, als vielmehr die persönliche Aufarbeitung eines kindlichen Scheidungstraumas, das noch nicht beendet ist. Da zeigt sich wieder: Wahre Experten kennen sich nicht nur in ihrem Thema aus, sie kennen vor allem sich selbst und sind von persönlichen Fragen nicht überrascht.

