Alles nur nicht persönlich – reloaded

Dr. Katrin Prüfig, 14.09.2011

Bei der Premiere von Günther Jauchs Talkshow im Ersten (11.9.2011, 21 Uhr 45 ARD) fiel die Antwort auf persönliche Fragen extrem unterschiedlich aus.

Frage Jauch an Jürgen Klinsmann: Ihre Tochter ist am 13. September 2001 in den USA geboren, also zwei Tage nach den Terror-Anschlägen. Haben Sie sich da mal gefragt, in welche Welt wird mein Kind eigentlich hineingeboren?

Klinsmann: Na ja, das waren natürlich Tage, da stand Amerika unter Schock. Das war auch anders als nach den Naturkatastrophen, die man hier ja quasi gewohnt ist. Andererseits sind die Amerikaner ein Volk, das immer wieder aufsteht. Die sind es gewohnt, immer wieder neu anzupacken und neu aufzubauen. Weiterzukämpfen. Also das muss man schon sagen. Aber der Schock saß natürlich tief.

Hier spricht aus jeder Zeile der Nationalcoach des Fußball-Teams der USA, dem der „american spirit“ schon ins Blut übergegangen ist. Ein bisschen klingt es fast wie ein Präsidentschaftskandidatenanwärter. Jedenfalls nicht wie ein Vater, dessen Kind kurz nach dem bisher größten Terroranschlag aller Zeiten geboren wurde. Klinsmann hat seine Familie immer von der Öffentlichkeit abgeschottet. Aber hier ging es ja gar nicht um Frau und Kind, sondern um seine Sicht als Vater. Um seine Sicht auf die Welt zu einem besonderen Moment. Da hätte es gern persönlicher sein dürfen – und weniger stereotyp. Ich hätte nach diese Antwort fast abgeschaltet.

Aber es kam ja noch Mathias Döpfer, der Vorstandchef des Axel-Springer-Verlags.
Frage Jauch: Herr Döpfner, wie sehen Sie das: Wird die Sicherheit Deutschlands tatsächlich auch am Hindukusch verteidigt, wie Peter Struck es 2001 sagte?

Antwort Döpfner: Also zunächst mal bin ich Pazifist durch und durch. Mein Vater musste mit 14 verkohlte Leichen aus den Trümmern holen, wurde dann mit 16 ins Gefängnis gesteckt und musste hungern. Das haben wir Kinder immer wieder eingetrichtert bekommen, praktisch jeden Tag und jede Nacht: nie wieder Krieg.  

Da war ich dann wieder wach. Der oft als unnahbar wahrgenommene Mathias Döpfer erzählt etwas, das berührt – obwohl er danach gar nicht gezielt gefragt wurde. Das kam sehr überzeugend und menschlich rüber. Und es berührt die Zuschauer mit Sicherheit ganz anders, als die ausweichende Antwort Jürgen Klinsmanns.
Übrigens: Die Sorge, dass er etwas preisgibt, was er später bereut, muss Döpfner nicht haben. Ihm gelingt die Brücke zum Persönlichen, das seine politische Haltung mitbegründet und geprägt hat. Es gleitet zu keinem Zeitpunkt ins Banale oder Intime ab.

Zwei Talkgäste, zwei Antworten – nur einer nutzt die Chance, die Zuschauer auch emotional (und nicht nur rational) zu erreichen. Aber gerade die emotionale Seite der Kommunikation in Massenmedien wird immer wichtiger. Je mehr Medienangebote, desto mehr Menschen, die zu uns sprechen, desto mehr Information. Aber wirklich hängen bleibt am ehesten die Information, die mit einer Emotion verbunden ist. Wie bei Mathias Döpfer, der plötzlich als Mensch in der Jauch-Runde sitzt – und nicht nur als Analytiker und Antwortengeber.


Die Autorin

BMTD
Dr. Katrin Prüfig

Kontakt: www.die-medientrainer.de