Akustisches Charisma: wer es hat, wie es wirkt, wie man es lernen kann


Was Redner von Steve Jobs lernen können: Stimmmodulation, Betonung und Pausen machen eine Rede interessant, emotional und verständlich.

Prof. Dr. Katrin Prüfig, 20.11.2018


Neulich beim Elternabend meldet sich ein Vater zu Wort, mit einer relativ kratzigen, eher hohen Stimme, viel Druck hinter den Worten, mehrfaches Räuspern. Für Zuhörer nicht angenehm. Auf einem Kongress gibt es Wortmeldungen: Ein Teilnehmer spricht ruhig und gelassen ins Mikrophon, sonore Stimme, klare Sätze, gute Betonung. In einer Moderationsübung an meiner Hochschule fallen mehrere Studentinnen vor kurzem durch besonders warme, klare Stimmen auf, ihr Sprechtempo ist angenehm. Man könnte lange zuhören.

Drei Beispiele von Situationen, wo das „akustische Charisma“ zum Tragen kommt. Mal zum Vorteil, mal zum Nachteil des Sprechenden. Akustisches Charisma – das ist ein Begriff von Forschern der Süddänischen Universität in Sonderburg. Sie untersuchen die Geheimnisse großer Redner mit Hilfe von Robotik und Algorithmen. Mimik, Gestik, Kleidung, all das interessiert nicht. Was zählt, ist der Höreindruck. So werden zum Beispiel die Vorträge von Steve Jobs in ihre kleinsten Elemente, die Morpheme, zerlegt. Ebenso die Reden von Mark Zuckerberg und sogar von Martin Schulz.



Erste Erkenntnis: Steve Jobs hatte viel Modulation in der Stimme, also ein – möglichst authentisches – Auf und Ab. Wer monoton redet, kommt schlechter an, meinen die Forscher, und als Zuhörer ertappen wir uns vermutlich bei einem ähnlichen Gedanken.

Jobs betone manche Worte sehr stark, so die zweite Erkenntnis. Er schafft damit Rhythmus und Orientierung. Zusätzlich transportiert sich darin auch die Leidenschaft für seine Themen und Produkte.

Und drittens waren Reden von Steve Jobs kürzer als andere, vergleichbare öffentliche Auftritte. Er setzte viele Pausen – und das machte es den Zuschauern noch leichter ihm zu folgen. Viel eher übrigens als Mark Zuckerberg.

Aber funktioniert diese Art der Stimmführung auch losgelöst von der Person? Oder muss jemand, der klingt wie Steve Jobs, auch so aussehen? Nein, muss er nicht! Die Phonetiker machten Experimente mit Robotern, die die Sprachmelodie verschiedener Redner nutzten. Die Roboter sprachen Passanten an, diese sollten wahlweise einen Fragebogen ausfüllen oder sich über gesundes Essen austauschen. Im Ergebnis war der „Steve-Jobs-Roboter“ deutlich erfolgreicher, die Passanten von etwas zu überzeugen bzw. sie für eine Aufgabe zu gewinnen. Auf der gewählten Skala für den Wert des akustischen Charismas von 0 bis 100 lag Jobs bei 93, Zuckerberg bei 57 Prozent. Bei Martin Schulz ließ sich feststellen, dass sein akustisches Charisma Anfang 2017 recht hoch war, dann aber im Laufe des Wahljahres immer mehr nachließ. Was im deutschen Wahlvolk möglicherweise nur ein Gefühl war, können die Phonetiker am Stimmprofil nachweisen.


Quelle: Screenshot YouTube


Erkenntnisse aus der Hirnforschung unterstützen die Thesen aus Süddänemark: Vieles deutet darauf hin, dass die Sprache vom Inhalt her zwar vor allem in der linken Gehirnhälfte entschlüsselt wird. Die rechte Gehirnhälfte ist aber, so scheint es, ganz wesentlich am Entschlüsseln von Rhythmus, Modulation und Tempo beteiligt. Überwiegend unbewusst hören wir offenbar lieber Menschen zu, die rhythmisch, nicht zu schnell und variabel in der Tonhöhe sprechen. Rhythmus und Melodie tragen dabei sehr zum Sprachverstehen bei, sie machen es den Zuhörern leicht.

Was davon lässt sich trainieren? Nun, an der Stimmhöhe kann ein Training nur bedingt etwas ändern. Sie wird vor allem durch die Beschaffenheit des Kehlkopfes geprägt. Mit einem guten Sprechtrainer kann man allerdings die Potentiale der Stimme nach oben und unten besser ausschöpfen. Steve Jobs hatte für einen Mann auch keine besonders tiefe Stimme. Er hat sie nur gut eingesetzt. Sprachmelodie, Modulation, Zäsuren, Rhythmus – all das kann in einem Training verbessert werden. Wobei mir persönlich wichtig ist, dass es nicht in einem künstlichen Sing-Sang endet, sondern authentisch, kraftvoll und lebendig klingt. Dann ist es offenbar egal, ob Sie Smartphones verkaufen oder Wollsocken …

Der BMTD ist unabhängig, überparteilich und ausschließlich der professionellen Kommunikation verpflichtet. Die Auswahl der Interviewpartner und ihrer Zitate sowie die entsprechenden Bewertungen erfolgen ausschließlich nach den BMTD-Empfehlungen für einen erfolgreichen Auftritt und sind deswegen kein Ausdruck einer politischen Richtung.

Autorin

BMTD

Prof. Dr. Katrin Prüfig

Kontakt: www.die-medientrainer.de

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