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Daniel Baumbach, 24.3.2016

Warum die Reporter vor Ort mit Plattitüden nerven

Wiedermal ist das Unfassbare passiert: Terroranschläge am Brüsseler Flughafen und in einer U-Bahnstation in der Nähe von EU-Institutionen. Tote, Verletzte, chaotische Zustände – ein Anschlag auf das Herz der EU. Und natürlich geht die ARD – wie andere Sender auch - schnellstmöglich mit einer Sondersendung On Air. Das erwarten wir als Fernsehzuschauer mittlerweile.

Doch sind die Informationen, die die uns die Reporter und Korrespondenten kurz nach dem Ereignis präsentieren, wirklich so erkenntnisreich, dass sich das Einschalten des Fernsehers lohnt? Bekommen wir als Nachrichtenkonsumenten in den ersten Stunden nach solch einem Terrorakt das zu sehen und vor allem zu hören, was uns wirklich interessiert?

Wohl eher nicht! Schnell stellt sich zumindest bei mir sogar Frust ein und auch ein Sättigungsgefühl, angesichts der ganzen Katastrophen-Plattitüden, die ich zu hören bekomme: „Polizei- und Rettungswagen sind unterwegs; Augenzeugen haben Tränen in den Augen und irren umher; Straßen sind oder werden gerade abgesperrt“. Was ich aber wissen will, höre ich nicht. Was ist wo genau passiert? Wie viele Opfer gibt es? Wie müssen wir das einordnen? Welche Folgen hat das alles für uns?

Die Antworten auf diese Fragen können die Kollegen in den ersten Stunden nach dem Ereignis vor Ort noch gar nicht geben. Im Grunde sind die ersten Katastrophen-Reporter sogar zu bemitleiden. Auf dem Weg zur Arbeit oder zuhause wurden sie vom Ereignis überrascht, versuchen schnellstmöglich zum Anschlagsort zu gelangen, währenddessen ihr Handy nicht mehr still steht. Die Redaktion in Hamburg ist dran, erklärt, dass sie sobald als möglich auf Sendung müssten, ganz egal, was sie schon wissen. Auch die Dispo klingelt durch, erklärt, dass es technische Probleme gibt: Der Übertragungswagen habe noch nicht aufgebaut, sondern stehe im Stau usw..

Zum Recherchieren kommen die Kollegen auf dem Weg zum Übertragungsort praktisch nicht. Sie können nur quasi nebenbei aufnehmen, was sie sehen, was sie hören oder riechen. Zum Einordnen oder gar Analysieren haben sie keine Zeit und den Kopf nicht frei. Heißt: Ohne einigermaßen fundiertes Wissen werden sie zwangsläufig in den Live-Schalten verheizt und müssen irgendwas erzählen, um die Sendezeit zu füllen. Und da die Moderatoren im Studio nicht aufhören, neue Fragen zu stellen, wird jede weitere Antwort nicht besser.

Mir ging es ähnlich, im April 2002, als ein Amokläufer am Erfurter Gutenberg-Gymnasium um sich geschossen und 16 Menschen getötet hatte. Als erster TV-Live-Reporter vor Ort wurde ich von einer „Tageschau“- zur nächsten MDR-Sendung durchgeschaltet. Ich stand im abgesperrten Bereich, in Sichtweite des Geschehens, doch ich wusste rein gar nichts. Wenn mir nicht ein netter Kollege die neuesten Informationen von den ersten Pressekonferenzen durchtelefoniert hätte, ich hätte stundenlang nichts anderes berichten können, als das, was ich auf meine Weg zum Schaltort gesehen hatte: „Viel Polizei ist da, die Schüler sind verwirrt, haben Tränen in den Augen, alles ist ziemlich chaotisch…“.

Was also tun? Einfach mal ein paar Stunden nach einem Terrorakt mit der Berichterstattung warten, bis klar ist, was eigentlich wo, wie und warum passiert ist? Ich vermute, dass wir das als Nachrichtenkonsumenten nicht mehr akzeptieren werden. Schnell, schneller, am schnellsten wollen wir informiert sein und bekommen dann eben das oben Geschilderte serviert.

Mein persönliches Rezept dagegen: Ich schaue mir die ersten Livebilder nach einem Ereignis an, maximal zehn Minuten lang, und übe dann den Rest des News-Verzicht Tages (wenn ich nicht gerade Dienst als Nachrichtenredakteur habe) – bis zur „Tagesschau“ und dem anschließenden „Brennpunkt“. Dann wissen die Kollegen fast immer mehr und beantworten viele Fragen zumindest einigermaßen umfassend.

Autor

BMTD

Daniel Baumbach

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