Freudenfehltritt und Angstallergie: Zwei Politikerinnen und ihre Gefühle

Dr. Katrin Prüfig, 17.05.2011

Freudenfehltritt

"Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten."  So formulierte es Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag nach der Aktion gegen den US-Staatsfeind Nummer 1 im pakistanischen Abbottabad. Ein schlichter Satz, der viel Staub aufwirbelt. Freude über den Tod eines Menschen? Und das als Vorsitzende der Christlich Demokratischen Union?

Obwohl die Tötung des Top-Terroristen nicht nur in New York und Washington für spontane Jubel-Feiern sorgte, obwohl auch hierzulande viele erleichtert sind, dass einem Massenmörder endgültig das Handwerk gelegt wurde: Die Äußerung der Kanzlerin ist mindestens mal ein Fehlgriff in der Wortwahl, den sich so übrigens in den USA niemand öffentlich erlaubt hat. Dort diskutiert man gerade das andere emotionale Extrem auf der nach oben eigentlich sehr begrenzten Reaktionsskala eines Politikers: das Entsetzen der Hillary Clinton.

Angstallergie

DAS Foto aus dem Weißen Haus in der Todesnacht Osama bin Ladens zeigt eine Reihe von ernsten Gesichtern der Herren Obama, Biden und anderer. Und es zeigt die US-Außenministerin, wie sie sich – fast in Schockstarre – die Hand vor’s Gesicht hält. Der O-Ton dazu würde vermutlich „Oh my God!“ lauten. Eine menschliche Regung angesichts dessen, was sie live in Abbottabad verfolgt.
Angst? Schwäche? Fehlender Kampfgeist? Was wird nicht alles hineininterpretiert in diese Geste. Und Hillary Clinton? Windet sich raus. Will nicht wieder die Heulsuse der Nation sein, wie einmal im Wahlkampf 2008. Ihre Erklärung: "Irgendwie fürchte ich, dass mich mein allergischer Husten gepackt hatte. Den bekomme ich im Frühjahr manchmal. Die Geste hat also nicht so viel zu bedeuten.“ Was für eine lausige Ausrede. Schwer zu sagen, was ihr mehr schadet: die Geste oder die Angstallergie. Ein Frau ihres Kalibers hätte sich vorher entscheiden müssen: entweder „stiff upper lip“ ohne Emotionen. Oder zu den Gefühlen stehen. So aber können sich ihre Gegner aussuchen, was sie unprofessioneller finden: die Geste oder die Erklärung.

Fazit

Man muss kein Medientrainer sein um vorherzusehen, dass hierzulande öffentlich bekundete Freude über das Töten eines Menschen massiv und zu Recht kritisiert wird. Immerhin ließ Angela Merkel ihre Äußerung wenigstens relativieren. Doch ihr "Freuden-Ausdruck" war und ist in der Welt. Und man darf mit Blick auf Menschenrechte, Grundgesetz, Rechtsstaatlichkeit und christlichem Selbstverständnis nur hoffen, dass die Kanzlerin zum Zeitpunkt ihrer Aussage einen Blackout hatte. Dafür muss sie sich auch gar nicht schämen (was ja auch ein subjektiv angemessenes und objektiv nachvollziehbares Gefühl sein kann), denn einen "Blackout" hatten viele Politiker schon – Karl Theodor zu Guttenberg sogar über mehrere Monate, als er seine „Doktorarbeit“ zusammenkopierte.

Und Hillary Clinton? Ist lange genug im Geschäft, um eine solche Geste und ihre Wirkung kalkulieren zu können. Vielleicht hat sie darauf gesetzt, dass ihr die Herzen zufliegen, weil sie als einzige in der Runde überhaupt Gefühle zeigt. Wenn es so war, ist das Kalkül nicht aufgegangen.

Natürlich kann ein gutes Medientraining weder Blackouts verhindern, noch kann (und will) es spontane Gefühle unterdrücken. Der immer coole, stets in seinen Reaktionen berechenbare Politiker – das kann niemand wollen. Aber ein gutes Medientraining kann sensibilisieren - für die Wirkung von Bildern und Worten. „Ich bin erleichtert,“ hätte es im Fall Merkel auch getan.  


Die Autorin

BMTD
Dr. Katrin Prüfig

Kontakt: www.die-medientrainer.de