"Kein großes Desaster"
Katrin Prüfig, 23.11.2011
Über den Umgang mit bösen Wörtern und Verneinungen
Na, das ist ja mal beruhigend: Das Ölleck vor der Küste Brasiliens, das schätzungsweise die Menge von 5000 Barrel Öl ins Meer sickern ließ (und das den Ölkonzern Chevron zunächst mal 28 Millionen Dollar kostet) ist „kein großes Desaster“. Sagt die brasilianische Energieaufsichtsbehörde. Beruhigend. Fast hätten wir uns Sorgen gemacht, aber bei einem bestenfalls kleinen Desaster ist das ja nicht nötig. Zurück zu anderen Dingen, die auf dem Schreibtisch auf uns warten…
Aber Moment mal! Das Wort „Desaster“ steht im Raum, die Verneinung wird schnell überhört. Ganz so harmlos kann der Bohrunfall im südlichen Atlantik dann doch nicht sein!
Genauso wie beim Poker um die Kaufhof-Filialen. „Wir sind keine Heuschrecke“, sagt da der österreichische Immobilien-Investor René Benko von der Firma Signa in einem Bericht der ARD. Man kann nur ahnen, dass dieses böse Wort schon in der Frage des Reporters vorkam, die im fertigen Beitrag aber – wie so oft – nicht mehr auftaucht. Nun hat Benko die „Heuschrecke“ zu seinem eigenen Wort gemacht. Auch hier wird von der versuchten Verneinung wenig bleiben. Signa und Heuschrecke: Das könnte fortan öfter in einem Atemzug genannt werden, als Herrn Benko lieb sein kann.
In beiden Fällen – Desaster und Heuschrecke – kommen zwei Dinge unglücklich zusammen: Zum einen wird ein „böses“, weil sehr negativ besetztes Wort unnötigerweise in die Diskussion gebracht bzw. ins eigene Statement eingebaut. Das kann man nie wieder ungeschehen machen.
Zum anderen verpufft die Verneinung. Das lernt man schon beim Umgang mit Kindern: Eltern, die ihr Kind ermahnen „sei nicht so laut!“ werden deutlich weniger Erfolg damit haben als Eltern, die sagen „sei leise!“. Die Kinder hören im ersten Fall nur „laut“, das „nicht“ geht unter. Und ein bisschen von dieser selektiven Wahrnehmung steckt noch in jedem von uns.
Natürlich sollen Katastrophen als solche benannt werden. Das gehört zu offener Kommunikation in den Medien dazu. Und wenn jemand zugeben möchte, dass ihn reine Geldgier antreibt – bitteschön! Ein anderes Beispiel aus einem Medientraining aber zeigt, wie absurd das werden kann: Ein Architekt hatte die Außenfarbe für ein Gebäude in Ocker gewählt. Darauf der Reporter: „Das sieht ja aus wie Kinderkacke! Finden Sie nicht?“ Zunächst widersteht der Architekt der Versuchung, auf diese Wortwahl einzugehen. Aber nach der vierten oder fünften Frage, in der der Reporter immer wieder den Begriff „Kinderkacke“ bemüht, platzt dem Architekten der Kragen. „Nein, es sieht NICHT AUS WIE KINDERKACKE“, ruft er. Und hat es damit selbst gesagt.
Am besten also, man lässt die „bösen Wörter“ des Reporters vorbeischwimmen und ist sich der Signalwirkung dramatischer Begriffe bewusst. Dann passiert auch kein kleines Desaster.

