Kunst gegen Kommerz?
Katja Schleicher, 01.03.2011
„Wir sind Helden“ vs. BILD-Zeitung
Statements dauern über den Tag hinaus, sie leben für immer… - das sollte berücksichtigen, wer regelmäßig öffentlich auftritt...Es ist besonders schmerzlich, wenn man im öffentlichen Auftritt den Gegner unterschätzt. Vor allem, wenn es in guter Absicht geschieht.
Illustres Beispiel der vergangenen Tage: „Wir sind Helden“ im Clinch mit BILD.
Kurz zusammengefasst die Faktenlage: Judith Holofernes ist die singende Frontfrau der erfolgreichen Band "Wir sind Helden"; die Werbeagentur Jung v. Matt Alster betreut die BILD-Kampagne für den Axel-Springer Verlag. Regelmässig fragt die Agentur im Auftrag des Kunden Prominente an, sich unter dem Motto "Was sagen sie zu Bild?" zu Deutschlands meistverkaufter und meistgehaßter Boulevardzeitung zu äußern. Provokatives dankend erbeten, das könne die Marke BILD gut aushalten.
Also fragt JvM Holofernes an, die seit Jahren mit BILD im Clinch liegt. Traum-Testimonial für den Kunden, denkt die Agentur.
http://www.wirsindhelden.de/2011/02/warum-ihr-vielleicht-auch-hier-seid/#more-1079
Holofernes nutzt die Webseite der Band für ein drastisches NEIN in Richtung BILD, dessen Intention sie Herzenshygiene nennt (nach dem Motto: wenn ich das jetzt nicht in diesem Ton loswerden darf, platze ich…). Kernbotschaft: "F... you!"
Prima, sollte man meinen, Mütchen gekühlt, Herzchen erleichtert... Schließlich sind wir ja Künstler, da muss das ja möglich sein.
Judith Holofernes muss jedoch in darauffolgenden Tagen erleben, dass dieses „herzhygienische“ Statement komplett nach hinten losgeht. Um mit Goethe zu sprechen, sie ist der mediale Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wird:
Denn ihr inzwischen viel zitierter und in den sozialen Netzwerken mit viel Beifall bedachter Antwort-Brief erscheint am Montag als BILD-Anzeige (vom Springer/Verlag bezahlt!). Nicht irgendwo, sondern in der gedruckten Ausgabe der links orientierten taz. Kostenpunkt: mehr als € 12.000.
Und es kommt noch schlimmer: Auf die Frage, warum die taz `so etwas‘ tue, kommt klipp und klare Antwort: ‚weil es die Gehälter unserer Redakteure zahlt...‘ Was kommt beim Leser an: BILD zahlt taz. Danke, Helden.
Fazit:
Die Schatten eines Medien-Statements können sehr lang sein. `Herzhygiene" und emotionale Meinung sind prima. Der professionelle Umgang mit Medien lehrt, wie wichtig es ist, wie beim Schachspiel den nächsten und den übernächsten Zug zu planen, um den Gegner im Schach zu halten. Das zu kurz gedachte Statement hat in diesem Fall dazu geführt, dass die weiße Helden-Dame geschlagen und der schwarze BILD-König die Partie für sich entscheiden konnte. Das letzte, was "Wir sind Helden" wollte.
Es sei an den Titel eines der größten „Wir sind Helden“–Hits erinnert: „Bitte gib mir nur ein Wort“... Wenn es denn beim nächsten Mal bitte das richtige ist…

