Goldene erste Worte von Siegern und Verlierern

Juliane Hielscher, 21. September 2011
 
Politiker-Statements nach der Berlin-Wahl: Erfrischende Sätze zwischen vielen Sprechblasen
 
Berlin hat gewählt. Am Abend des 18. Septembers spielte sich im Deutschen Fernsehen das sich stets wiederholende Theater ab: die ersten Kandidaten-Kommentare. Die „Elefantenrunden“ nach der Hochrechnung um 18.00 Uhr waren hochkarätig besetzt. (Fast) jedem bekannten Bundespolitiker wurde ein Mikrofon unter die Nase gehalten und wir hörten von der Eurokrise und der bundespolitischen Trendwende – nur von Berlin hörten wir wenig.Einzig der Vorsitzende der kuriosen Piratenpartei stand sofort für einen sogenannten „O-Ton“ zur Verfügung. Dieser Andreas Baum ist ein Gewinner. Fast 9 Prozent der Stimmen aus dem Stand -  das ist schon was. Von diesen Erfolgsmenschen will man doch etwas hören. Erste Frage in der ARD:
 
„Wann haben Sie das erste Mal gedacht, dass Sie heute Abend hier im Studio stehen würden?“ Antwort: „Keine Ahnung! Aber zuerst mal schöne Grüße an die anderen Piraten. Das ist doch echt ein toller Erfolg und wir freuen uns natürlich unheimlich.“ - Frage: „Sie müssen ja nun ab sofort im Abgeordnetenhaus mitarbeiten. Haben Sie sich darauf vorbereitet?“ Antwort:“ Nee, so richtig noch nicht. Aber wissen schon, dass man von der Zuschauertribüne aus nicht twittern darf. Das wollen wir ändern. Vor allem wollen wir einfach eine ehrliche Politik.“
 
Das mag man finden, wie man will. Ehrlich und authentisch sind diese Aussagen allemal. Da versucht niemand seine Unerfahrenheit zu verheimlichen. Mutig, aber zugleich unprofessionell so unerfahren vor die Kamera zu treten. Da wir alle wissen, wie sehr der erste Eindruck zählt, kann es gut sein, dass vor allem die Unerfahrenheit beim Zuschauer hängenbleibt.
 
Um 20.00 Uhr in der Tagesschau waren endlich alle Berliner Protagonisten im Wahlstudio versammelt. Der magische Moment. Die Zuschauer sind gespannt auf „die ersten wichtigen Worte“. Die erste Frage geht selbstverständlich an den alten und neuen Bürgermeister. Neue Amtszeit - neue Frisur. Klaus Wowereit mit einem Haarschnitt zwischen Popper und Julius Caesar. Eigentlich ist er der Hauptgewinner. Er behält sein Amt. Gleichwohl hat die SPD Wählerstimmen verloren. Und hier wird nachgehakt:„Die SPD ist stärkste Partei hat aber Federn gelassen. Wie erklären Sie sich das?“ Antwort: „ Na gut, das ist ja eben hier dargestellt worden. Wenn eine Partei 9 Prozent bekommt aus dem Stand heraus, dann müssen die ja irgendwo herkommen. Also haben die etablierten Parteien, auch die etablierten linken Parteien dort etwas an die Piraten abgegeben.“
 
Das ist sicher wahr, aber keine Begründung für das warum. Klaus Wowereit hat eine Chance verschenkt. Er geht nicht auf die unzufriedenen Berliner ein, die so wenig an die großen Parteien glauben, dass sie sich auf ein Piratenabenteuer einlassen. Die zweite Frage nach den Koalitionsplänen wird ausgewogen, eigentlich langweilig beantwortet. Man werde mit denen sprechen mit denen es überhaupt rechnerisch möglich ist überhaupt eine Koalition zu bilden. Das seien die Grünen und die CDU, und man werde mit beiden Sondierungsgespräche führen. Auch hier wird eine Möglichkeit verschenkt, sich am Wahlabend klar und zukunftsweisend zu positionieren. Klaus Wowereit, ein Gewinner - ja. Aber als frisch wiedergewählter Bürgermeister präsentierte er sich satt und unambitioniert.
 
Auch Renate Künast gehört zur Riege der Gewinner. Das beste Ergebnis aller Zeiten. Soviel haben die Grünen in Berlin noch nie geholt. Doch 17,6 Prozent wirken mickerig, wenn man in den Prognosen mal bei 30 stand. Und auch wenn die Spitzenkandidatin dies (genau wie ihre Parteifreundinnen und Parteifreunde) wieder und wieder anmerkt, erscheint sie als Verliererin. Müde, abgekämpft und wenig überzeugend reagiert sie auf ihre erste Frage: „Sie wollten Bürgermeisterin werden, das ist ihnen trotz des guten Ergebnisses nicht gelungen…“ Antwort: „Also, Sie haben recht. Ein Rekordergebnis für die Grünen auf Berliner Ebene. Darüber freuen wir uns. Und ich gebe auch zu, wir wollten eigentlich noch mehr. Das haben wir nicht geschafft. Ich bin trotz alledem ganz fest…wir werden das analysieren. Welche Potentiale hatten wir noch? Und ansonsten schauen wir jetzt mal. Der Regierende Bürgermeister, kann ich ihm nur gratulieren, hat jetzt die Aufgabe, weil er noch die stärkste Partei ist, ne Regierung zu bilden. Und wir sind bereit Gespräche zu führen. Allerdings nicht auf der Ebene, dass wir einfach ein billiger Ersatz für die Linke sind, sondern es muss auch grün drin sein.“
 
Im ersten Teil ziemlich schwammig, im zweiten Teil fordernd, insgesamt etwas wirr und damit kein guter Einstieg um sich als Wahlsiegerin zu präsentieren. Und dann gehört Renate Künast natürlich auch noch „zu den Menschen, die immer die Wahrheit sagen und dies auch einhalten“, und dies gerne auch laut sagen. Im Klartext: da sie nicht Chefin im Rathaus wird, bleibt sie in der Bundespolitik. Der Eindruck, dass man hier eine Gewinnerin sieht, verflüchtigt sich eigentlich ziemlich rasch.
 
Frank Henkel ist auf gewisse Weise ebenfalls Gewinner. 23,4 Prozent, mehr als 2 Prozent Zuwachs. Die CDU bleibt zweitgrößte Partei in Berlin. Die Frage, ob er Lust auf eine große Koalition habe, beantwortet er wie folgt: „Politik ist ja keine Frage der Lust, sondern dessen, was machbar ist. Und ich hab gesagt, wenn Klaus Wowereit einlädt, und es liegt an ihm zu Sondierungsgesprächen einzuladen, und wenn diese Einladung ernst gemeint ist, dann werde ich mich im Interesse der Berlinerinnen und Berliner nicht verschließen.“
 
Das ist interessant. Frank Henkel macht deutlich, dass er eigentlich keine Lust hat. Er schiebt den Handlungsauftrag deutlich zu Klaus Wowereit rüber und er wendet sich an seine Wähler. Er sagt ihnen, dass er sich trotz der Unlust in ihrem Interesse einsetzen wird. Insofern hat Frank Henkel diesen ersten Kommentar klug genutzt, um bei seinen Anhängern eine positive Botschaft zu platzieren.
 
Und nun zu einem Verlierer. Die Linke hat zwar nur 1,7 Prozent weniger Stimmen als 2006. Aber nach der Hochrechnung ist sofort klar, dass sie die längste Zeit Koalitionspartner der SPD waren. Damit ist Spitzenkandidat Harald Wolf seinen Job als Wirtschaftssenator der Hauptstadt los. Die erste Frage an ihn wirkt deshalb seltsam. Aus der Vermutung heraus, dass die Piraten vor allem Menschen mit hoher Internetaktivität an sich gebunden hätten, wird er wie folgt angesprochen: „Müssen die Linken im Netz aktiver werden, um mit den Piraten mithalten zu können?“ Harald Wolf kriegt recht geschickt die Kurve. Er will den Piratenerfolg analysieren und gleichzeitig nachforschen, warum es seiner Partei nicht gelungen ist, mehr Wähler anzusprechen. Das klingt zumindest nach einem Fünkchen Selbstkritik. Und auf so etwas stehen die Zuschauer. Das wirkt ehrlich und authentisch. Ansonsten soll Wolf auf die bundespolitischen Schlagzeilen der Linken eingehen (Kubaglückwunsch, Maueräußerungen). Das ist eine ungemütliche Situation für den gerade Abgewählten. Er kann nur defensiv reagieren. Deshalb repräsentiert er das, was er an diesem Abend ist: einen Verlierer. Aber ohne Würdeverlust.
 
Die Schlussfrage gilt dem Oberpiraten Andreas Baum. Der wird nach den drei Hauptzielen der Freibeuter-Politik gefragt. Und ganz zum Schluss dieser „Elefantenrunde“ darf er den Zuschauern im ganzen Land erklären, was diese junge Partei will: Mehr Transparenz, Thema Bildung, und den kostenlosen Fahrschein für den Berliner Nahverkehr. Die ersten beiden Punkte sind unkonkret und inhaltsleer. Aber die letzte Aussage ist das Konkreteste, was die Zuschauer an diesem Wahlabend von einem Kandidaten zu hören bekommen. Und das bleibt im Gedächtnis hängen.    
 
 


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Juliane Hielscher

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