Wahl-Blog 2017: Merkels Minimalismus


Mit wenig Konkretem, aber großer Ruhe stellt sich die Kanzlerin dem ZDF-Sommerinterview

Dr. Katrin Prüfig, 28.08.2017

Kanzlerin sein ist kein Kindergeburtstag. Auch der Tag der offenen Tür im Kanzleramt ist es nicht: Gefühlte 2677 Selfies mit Besuchern, die auch Wähler sein könnten. CDU-Kanzlerin Merkel hat schon einen trubeligen Tag hinter sich, als sie zum ZDF-Sommerinterview auf Bettina Schausten trifft. Dank des magenta-farbenen Blazers wirkt sie nicht ganz so erschöpft, wie sie nach einem solchen Tag vermutlich ist.

Angela Merkel im Sommerinterview

Um ein Fazit gleich vorweg zu nehmen: Merkel bleibt sich auch in diesem Gespräch treu. Fast nichts Konkretes, vieles ist ihr „sehr wichtig“, ohne dass wir erfahren, wie sie mit Themen wie Elektromobilität, Diesel-Fahrzeugen, Bildungspolitik konkret weitermachen will. So manche Botschaft klingt identisch mit den Wahlkämpfen zuvor, was Merkel auch anerkennt. Es gebe halt noch viel zu tun. Man sei auf dem Weg. Fast wäre ich eingenickt bei derart tiefenentspannten Worthülsen.

Die verbale Kommunikationsebene bietet keine Highlights: Merkel verwendet gerade zu Beginn des Gesprächs häufig die Formulierung „ich glaube“ – einen überflüssigen Weichmacher in einem ohnehin konturlosen Austausch. Sie nennt „Neugierde“ als Grund für die mögliche vierte Amtszeit. Vieles würde ich Ihre glauben, Neugierde eher nicht. Ein schwaches Argument, das wohl menscheln soll, aber bei ihr – auch so wie es vorgetragen wird – nicht glaubhaft rüberkommt.

Die Fragen von Bettina Schausten scheinen für sie keinerlei Herausforderung. (Die Moderatorin macht es der Kanzlerin wiederholt leicht, indem sie Zwei- und Dreifach- Fragen stellt. Die Bundeskanzlerin sucht sich dann aus, auf welchen Frage sie antwortet.) Auf die Frage: „Was haben Sie persönlich versäumt, um das Ziel zu erreichen, eine Million Elektroautos bis 2020 auf die Straßen zu bringen?“ reagiert Merkel mit dem „Verbrennungsmotor als Brückentechnologie“.

Auf die Frage, ob Martin Schulz ein guter Bundeskanzler wäre, sagt Merkel: Sie will es machen. Auf eine Doppelfrage zu den verheerenden Bedingungen für Flüchtlinge in Libyen reagiert Merkel mit der „Migrationspartnerschaft“ mit dem Land Niger. Dort wolle man „BAMF-Außenstellen“ bilden. Das ist eine von zwei Stellen, wo der Kanzlerin die Behördensprache in eine Antwort reinrutscht. Die andere betrifft die Förderung der E-Mobilität, wo die Prämien „nicht gut abfließen“. Fast schon ein Hinhörer im sonstigen Teflon-Einerlei.

Ist sie deshalb abgehoben, wie ihr der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz vorwirft?

Schwer zu sagen. Inhaltlich ist sie sehr vorsichtig, kommt nicht aus der Reserve. Ihre Botschaft als Person, ihre Körpersprache, ihre Stimmlage – alles sendet Signale der Souveränität. Merkel bewegt sich auf ihren Interviewstuhl so gut wie nicht, mal abgesehen von der einen oder anderen Geste. Botschaft: Alles im Griff, alles ist machbar, in der Ruhe liegt die Kraft. Das ist gut so, aber eben auch nichts, was die Zuschauer vor dem Fernseher fesselt.

Spannender wird es – hoffentlich – am kommenden Sonntag im TV-Duell mit Martin Schulz. Da muss mehr rüberkommen, diese ZDF-Schlummer-Nummer dürfte dann nicht reichen.

Der BMTD ist unabhängig, überparteilich und ausschließlich der professionellen Kommunikation verpflichtet. Die Auswahl der Interviewpartner und ihrer Zitate sowie die entsprechenden Bewertungen erfolgen ausschließlich nach den BMTD-Empfehlungen für einen erfolgreichen Auftritt und sind deswegen kein Ausdruck einer politischen Richtung.

Autorin

BMTD

Dr. Katrin Prüfig

Kontakt: www.die-medientrainer.de

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