Wahl-Blog 2017: 3:0 für Schulz


Das TV-Duell der Kanzlerkandidaten mit vielen Überraschungsmomenten

Stefan Klager, 04.09.2017

Die Duellanten / Quelle: ARD Morgenmagazin

Die Bundestagswahl scheint gelaufen, die Umfragen sehen seit Wochen Kanzlerin Merkel (CDU) vorne und den Herausforderer Martin Schulz (SPD) weit abgeschlagen dahinter. Möglicherweise ist der gestrige 3. September der Wendepunkt. 20.15 Uhr, das 90-minütige TV-Duell: Die beiden Spitzenpolitiker ihrer Parteien stellen sich Fragen der Moderatorinnen (ARD und ZDF) und Moderatoren (RTL und SAT.1).

Das Duell nimmt gleich zu Beginn Fahrt auf. Es gibt kein langes Vorgeplänkel, die Fragen werden zügig gestellt. Schulz ist darauf besser vorbereitet als Merkel. Er nimmt den Schlagabtausch auf, antwortet schnell, inhaltlich präzise, aber die Anspannung ist ihm anzumerken: Er ist sehr kurzatmig; statt ruhig zu atmen, atmet er flach, was dazu führt, dass ihm die Luft mitten im Satz wegbleibt. Auch seine Mimik verrät Nervosität.

Merkel scheint der Fragestil nicht zu behagen. Ihre sonst so gelassene Art lässt sie vermissen; auch ihren Stil, Zusammenhänge geduldig zu erklären. Sie wirkt nervös, was sich darin äußert, dass sie schneller als sonst spricht; sie verhaspelt sich ungewöhnlich oft und formuliert längst nicht so präzise wie Schulz. Bei ihm legt sich die Anspannung nach 20 Minuten. Er arrangiert sich wesentlich schneller mit dem Fragen-Staccato in der sterilen Studio-Situation; er platziert seine Botschaften. Er punktet, indem er Merkel, aber vor allem den Zuschauern deutlich macht, dass seine Politik sich von der Merkels deutlich unterscheidet. Beispiel Türkei-Politik. Hier formuliert Schulz konkrete Maßnahmen, die er als Bundeskanzler sofort umsetzen würde: Die EU-Kommission dazu bringen, die EU-Beitrittsverhandlungen sofort aufzukündigen. Sich als Bundesrepublik nicht am Nasenring durch die europäische Manege führen zu lassen. Den Flüchtlingspakt mit der Türkei verändern. Merkel ist überrascht, die Journalisten auch. Die allerdings klammern sich an ihre vorbereiteten Fragen. Mit diesen deutlich formulierten Inhalten schärft Schulz sein Profil. Solch starke Aussagen sind ihm bisher nicht über die Lippen gekommen. Merkel macht phasenweise einen konsternierten Eindruck. Ihr Statement als Reaktion auf Schulz, sie wolle die Türkei auch nicht in der EU haben, klingt wenig überzeugend.

Auch in Sachen Mimik geht der Sieg an Schulz / Quelle: ARD Morgenmagazin

Schulz spricht mit seinem Körper. Wenn Merkel redet, wendet er sich ihr zu. Er sieht Merkel an und nutzt - so es ihm die Moderatoren gestatten - jede Gelegenheit, ihre Einschätzungen zu konterkarieren. Merkel hingegen guckt selten zu Schulz ´rüber. Ihre Gestik ist kaum vorhanden, ihre Mimik wirkt eher beleidigt, manchmal verkniffen, ja, sogar verunsichert. Die Mimik verrät: „Mit diesem Schulz hab ich nicht gerechnet!“

Schulz bringt auch Ironie mit ins Spiel – sicherlich eine Gratwanderung, denn zu groß ist die Gefahr, dass sie missverstanden wird. Und selbst wenn sie verstanden wird, birgt Ironie das Risiko, arrogant zu wirken. Schulz setzt die Ironie so ein, dass er souverän wirkt. Beispiel: Merkel beteuert, für die Bürger nicht die „Rente mit 70“ in Betracht zu ziehen. Schulz lächelt süffisant und kommentiert. „So wie Sie bei der vorigen Bundestagswahl die Maut auch nicht haben wollten!“. Die Lacher hat er auf seiner Seite, denn die PKW-Maut ist inzwischen eingeführt. Merkel ist rhetorisch in der Bredouille, sie schlingert.

Merkel wirkt fahl – nicht nur im wortwörtlichen Sinn. Schulz ist angriffslustig, bringt Merkel immer wieder in eine Verteidigungsrolle und zeigt Emotionen. Er ist „wütend“ beim Thema Diesel-Gate. Er erzählt, dass ihn zu Hause neulich ein Handwerker besorgt gefragt habe, ob die Bürger denn auf allen Kosten sitzen bleiben. Schulz erzählt Privat-Persönliches, gibt sich bürgernah. Das ist klug, denn er zeigt damit: Ich weiß, was den Bürger bewegt. Wer genau hinsieht, merkt allerdings, dass dieser rhetorische Kniff in diesem Fall wenig glaubwürdig ist, denn wer kann sich vorstellen, dass ein Kanzlerkandidat drei Wochen vor der Bundestagswahl zu Hause auf einen Handwerker wartet. Hier verspielt er sich auf der Klaviatur des bürgernahen Argumentierens. Doch er hat Glück: Keiner in der Runde entlarvt dies.
Merkel hat den nahezu identischen Redeanteil, doch konkrete Botschaften platziert sie nicht.

Das setzt sich fort bis zum Schluss-Statement der beiden Kontrahenten. Schulz darf als erster. Und spätestens hier zeigt sich, wie gut ihn seine Berater auf dieses TV-Duell, seine letzte Chance, vorbereitet haben. „Wie viel Zeit habe ich?“, fragt Schulz. „60 Sekunden?“ Pause. „In 60 Sekunden verdient eine Krankenschwester 40 Cent“, beginnt er. Dies wirkt spontan, ist es aber– so behaupte ich – nicht. Es ist vielmehr perfekt vorbereitet. Denn Schulz verbindet die Themen Soziale Gerechtigkeit, Sicherheitspolitik, Internationale Politik, Europa so geschickt miteinander, dass es nur vorbereitet sein kann. Aber auch diese Inhalte des (sicherlich) auswendig gelernten Schlusswortes transportiert er rhetorisch gekonnt: Trotz Zeitdrucks setzt er gezielt Pausen, variiert seine Sprechgeschwindigkeit und setzt – mit Blick in die Kamera, schließlich wurde er ja gebeten, sich direkt an den Zuschauer zu wenden – einen fulminanten Schlusspunkt. Merkel wirkt hier besonders schwach und unvorbereitet. Sie bedankt sich bei den „Zuhörern und Zuschauern“ fürs zuhören und zuschauen, und wünscht schließlich noch „einen schönen Abend“.

Fazit: Überraschungssieger Schulz. 3:0 für ihn – er überzeugt inhaltlich, rhetorisch und erweist sich als bestens vorbereitet.

Der BMTD ist unabhängig, überparteilich und ausschließlich der professionellen Kommunikation verpflichtet. Die Auswahl der Interviewpartner und ihrer Zitate sowie die entsprechenden Bewertungen erfolgen ausschließlich nach den BMTD-Empfehlungen für einen erfolgreichen Auftritt und sind deswegen kein Ausdruck einer politischen Richtung.

Autor

BMTD

Stefan Klager

Kontakt: www.Der-KommunikationsCoach.de

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