BMTD-Blog: Lehrstunde trotz Interview


Egal, was Marietta Slomka auch fragt, EU-Kommissionspräsident Juncker hat die Antworten zum Brexit schon parat. Ein Lehrbeispiel im Botschaften setzen.

Martin Kerscher, 26.11.2018


Marietta Slomka im Interview mit Jean-Claude Juncker / Bildquelle: Screenshot ZDF

Jean-Claude Juncker ist schon zu lange im Geschäft, um sich durch ein Interview aus der Ruhe bringen zu lassen. Und Marietta Slomka ist auch lange genug im Geschäft. Mit ihrem Interview ist sie ihrem Motto treu geblieben „vielen Dank für ihre Antwort, aber wichtig sind meine Fragen“.
Doch schauen wir auf Jean-Claude Juncker, der recht elegant und durchaus geschickt seine Themen und Botschaften platziert hat.

So hat er die erste Antwort damit beendet, dass der Brexit-Vertrag nicht in die Kategorie „Goldene Staatskunst“ einzuordnen sei. Eine klassische „Köder-Antwort“, die den Journalisten in der Regel zu einer Nachfrage veranlassen kann — und Marietta Slomka auch tatsächlich dazu veranlasst hat. Kurz: Juncker hätte sich im Brexit-Vertrag konkretere Formulierungen gewünscht und „Staatskunst wäre es gewesen, wenn wir den Brexit hätten verhindern können“. Aber dafür hätte es ja auch keine Chance gegeben, lautete die Nachfrage, die den interessierten Zeitzeugen rätseln lässt, warum sich diese Frage ernsthaft an den EU-Kommissionspräsidenten richtet.

Und so konnte seine zweite Antwort nur lauten, dass dies eine Entscheidung des britischen Souveräns sei. Was denn wäre, wenn das Parlament nicht mitspiele? „Wir werden es sehen,“ so Juncker. Was soll er denn auch sonst antworten auf eine hypothetische Frage.

Es gebe im Fall der Ablehnung durch das britische Parlament jedenfalls keinen Deal, sagte Juncker in seiner dritten Antwort, auf die Frage, ob es einen Plan B gebe. Könnte es denn nicht noch andere Kandidaten ermutigen, aus der EU auszutreten - so fuhr Marietta Slomka fort.

Juncker begibt sich nicht in diese - bereits zweite hypothetische - „Fragen-Falle“: er kenne keine weiteren Kandidaten und auch auf Nachfrage von Marietta Slomka, dass Italien und Ungarn doch solche Kandidaten sein müssten, entgegnet Juncker in seiner abschließenden Antwort: er mache einen Unterschied zwischen dem, was aus innenpolitischen Gründen in den einzelnen Ländern verlautbart wird und dem, was ihm als EU-Kommissionspräsidenten gegenüber geäußert werde. Er sei erstaunt, dass bei politischen Differenzen in Europa immer die Existenzfrage gestellt werde - ähnliches gäbe es doch nicht bei politischen Differenzen im Bundestag.

Starkes Argument, Jean-Claude Juncker. Das bleibt. Das sitzt. Und das nehme ich mit - eine Lehrstunde in Sachen Europa im besten Sinne. Das nicht optimal sitzende Jacket und der oft fehlende Augenkontakt zu Kamera und damit zu den Zuschauern seien ihm verziehen. Und was das Ziel des Interviews sein sollte, außer „wir führen ein Interview mit Juncker und werden es zeigen“, das muss sich dem Zuschauer dann auch gar nicht mehr unbedingt erschließen. Bien fait, Jean-Claude Juncker. Er wusste, was er sagen will - unabhängig von den gestellten Fragen.

P.S. Und dies sollte auch noch erwähnt werden: Es ist schon bemerkenswert, wie souverän Juncker ein solches Interview in einer Fremdsprache zu gestalten vermag. Chapeau, Monsieur Juncker.

Der BMTD ist unabhängig, überparteilich und ausschließlich der professionellen Kommunikation verpflichtet. Die Auswahl der Interviewpartner und ihrer Zitate sowie die entsprechenden Bewertungen erfolgen ausschließlich nach den BMTD-Empfehlungen für einen erfolgreichen Auftritt und sind deswegen kein Ausdruck einer politischen Richtung.

Autor

BMTD

Martin Kerscher

Kontakt: www.silver-mediaconsulting.com

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