Was war das, Frau Schausten und Herr Frey?


Der neue Präsident des Bundesverfassungsgerichts im ZDF-Fragengewirr

Stefan Klager, 22.06.2020


Bildquelle: Screenshot ZDF

„Was nun…“ lautet das aktuelle Kreuzverhör im ZDF. Am Montagabend, dem 22. Juni, saß Stephan Harbarth den ZDF-Journalisten Peter Frey und Bettina Schausten gegenüber. Harbarth wirkt souverän, aber auch leicht angespannt. Dadurch, dass er sitzt und seine Unterarme auf den Tisch legt, fällt sein Oberkörper leicht nach vorne – so verliert er an Präsenz. Und: Er nimmt sich dadurch jede Möglichkeit, zu gestikulieren, um das Gesagte zu betonen, zu unterstreichen.

So wirkt Harbarth eher defensiv, fast verhalten. Seine Anspannung scheint sich zu steigern, als er die ersten Fragen hört. Seine Antworten sind eher kurz und ausweichend, in der ersten Hälfte des Interviews fast unkonkret. Woran liegt das? Gut, er arbeitet eher im Verborgenen, steht selten im medialen Rampenlicht, aber es liegt – genau betrachtet - gar nicht daran, dass er diese Medienpräsenz nicht mag; es liegt daran - so vermute ich –, dass er sich über die Fragen wundert. Und das zu Recht.

Die beiden stellen Fragen, die sie an jeden Politiker hätten richten können: Thema Corona: Dürfen Bildungsentzug und das Abschotten von Senioren sein? Ist die immense Neuverschuldung der jungen Generation zuzumuten? Thema Krawalle in Stuttgart: Frust oder Verrohung der Gesellschaft? Thema Fleischskandal: Muss Clemens Tönnies zur Verantwortung gezogen werden?

These: Stephan Harbarth hätte sagen wollen: „Es gibt Gewaltenteilung, Frau Schausten!“ oder „Wir unterscheiden zwischen der Legislativen und der Judikativen, Herr Frey.“ Was soll ein gerade berufener Präsident des höchsten deutschen Gerichts dazu sagen? Solche Fragen können in der Tat verunsichern, denn seine persönliche Meinung ist nicht relevant. Ein Richter entscheidet am Ende eines Verfahrens; er spricht Recht nach Faktenlage. Unabhängig. Wie soll er in den nächsten 10 Jahren glaubwürdig Grundsatzurteile fällen, wenn er heute, am Tag seiner Ernennung durch den Bundespräsidenten, bei Schausten und Frey lustig über alle gerade aktuellen Themen räsoniert?

Fazit: Die Antworten konnten nicht besser sein, weil die Fragen nicht auf den Gesprächspartner zugeschnitten waren – da half auch nicht der Verweis aufs Grundgesetz, der immer wieder in die Fragen eingebaut wurde. Das waren gute Fragen für die Kanzlerin oder den Vizekanzler, aber nicht für den höchsten Richter des Staates.

Als es dann endlich um „seine“ Themen geht, blüht der bis dahin fahl wirkende Harbarth auf, lächelt sogar, wirkt gelöst und plötzlich nahbar und sympathisch. Er besticht durch glasklare Formulierungen. Selbst als ihm Befangenheit unterstellt wird, brilliert Harbarth: Ja, er war Anwalt einer großen Sozietät, das mache ihn aber nicht zu einem weniger guten Verfassungshüter. Und er schreibt Frey ins Stammbuch: Es wäre das Ende eines Rechtsstaats, wenn das höchste deutsche Gericht dem EuGH nicht widersprechen würde, nur um EU-Kritikern wie Orban das politische Wasser abzugraben.

Unabhängig von „Was nun, Herr Harbarth?“: Was tun, wenn Interviewer die „falschen“ Fragen stellen? Meine Empfehlung: Nicht ganz so viel Rücksicht auf Journalisten nehmen, so geraten Sie weniger in die Bredouille. Denn der negative Eindruck des „in die Enge Getriebenen“ bleibt beim Publikum haften; die Fragen aber werden vom Zuschauer „hingenommen“ und nicht hinterfragt.

Insofern eher charmant in die Offensive gehen. Beispiel: „Ich bin ja Richter und kein Politiker, wie Sie wissen. Deshalb ist meine persönliche Meinung bei meiner Arbeit nicht relevant. Womit ich mich als Richter zu beschäftigen habe, sind Klagen, die wir als Gericht verhandeln.“ Und tatsächlich: In etwa so reagiert Harbath auch in den letzten Minuten des Interviews: selbstbewusst und meinungsstark, aber erst als er sich „freigeschwommen“ und sich die Fragen so zurechtlegt hat, dass er sie aus seiner Funktion heraus beantwortet. Kurve gekriegt und gut gekontert, Herr Harbarth.

Das Video zur Sendung finden Sie auf der ZDF-Facebookseite.

Der BMTD ist unabhängig, überparteilich und ausschließlich der professionellen Kommunikation verpflichtet. Die Auswahl der Interviewpartner und ihrer Zitate sowie die entsprechenden Bewertungen erfolgen ausschließlich nach den BMTD-Empfehlungen für einen erfolgreichen Auftritt und sind deswegen kein Ausdruck einer politischen Richtung.

Autor

BMTD

Stefan Klager

Kontakt: www.Der-Kommunikations
Coach.de

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