Tempolimit? Bitte auch im Interview


Robert Habeck redet spontan, schnell – und damit wenig nachhaltig

Stefan Korol, 10.05.2021

Warum die Grünen jetzt Boris Palmer loswerden wollen – das und andere Themen hat Grünen-Vorstand Robert Habeck am 10. Mai 2021 in einer Pressekonferenz erläutert. Dass nicht alle seine Gedanken in den Köpfen bleiben, liegt an den Standardfehlern, die Habeck bei diesem Auftritt macht.


Bildquelle: Screenshot Phoenix vom 10.05.2021


Klar – ein Live-Auftritt ist immer schwierig. Ich will also gar nicht an Habecks gesamten Auftritt herumnörgeln. Er macht vieles gut. Aber er macht eben auch (noch…) diese drei Standard-Fehler, die viele Redner*innen und Interview-Partner*innen machen:

1. Zu schnell. 2. Zu schnell. 3. Zu schnell.

Spaß beiseite. Es geht nicht um nur um „zu schnell“, was die Sprechgeschwindigkeit angeht. Sondern „zu schnell“ löst bei Redner*innen einen Kreislauf von Fehlern aus, die sich gegenseitig bedingen und die in der Summe den Auftritt verschlimmern: „Ich bin nervös – deswegen rede ich zu schnell – dadurch werde ich noch nervöser – ich merke, dass ich kaum noch Luft kriege – also noch schneller – ich merke, dass ich kaum noch denken kann – jetzt sage ich was, was ich gar nicht sagen wollte – verdammt, das hier geht übel aus – also: nur noch Augen zu und durch…“

Das Ergebnis ist dementsprechend mehr oder weniger enttäuschend. Aber die gute Nachricht: Weil das dreifache „zu schnell“ ein Standardfehler ist – gibt es auch eine Standard-Lösung dafür, ebenfalls dreifach:

  1. Ich zwinge mich dazu, nach maximal 20 Worten mit der Stimme herunterzugehen.
  2. Durch „Stimme runter“ merkt das Publikum, dass ich gleich eine Pause mache. Das ist für das Publikum auch in Ordnung, denn im normalen Gespräch machen wir ja immer Pausen. Ich habe also die Genehmigung für die Pause, muss mich nicht beeilen.
  3. Ich nutze die Pause, um zu atmen, mich zu erden und über den nächsten Satz nachzudenken. Den spreche ich in aller Ruhe weiter. Bis zur nächsten Pause.

Einfach formuliert: Nur wer im Interview, bei Reden oder anderen öffentlichen Auftritten Pausen macht – bleibt bei sich, behält die Kontrolle über seine Sprache. Wenn das demnächst auch Robert Habeck erkennt und anwendet, wird er keine „Schnelligkeits-Fehler“ mehr – und damit auch keine Sätze mehr sagen wie er sie heute gesagt hat.


Das Interview gibt´s hier zum Anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=c1o_d5CMp74

Darin führt Habeck in die Themen ein, zu denen er Stellung nimmt (00:20): „Vierter Punkt den ich ansprechen will ist die Causa Boris Palmer, Sie haben es mitbekommen, es wäre ein Wunder, wenn Sie es nicht mitbekommen hätten…“ Das ist spontan, überflüssig. Stattdessen einfach nach „Palmer“ Stimme runter. Pause.

Frage einer Journalistin (05:10): „Was fordern und machen die Grünen gegen den Hass gegen Politikerinnen?“ Habeck schwafelt 2 min 17 sec herum: Halbsätze, eine Aufzählung bekannter Fakten und Allgemeinplätze; deutlich hörbar, dass er keine klare Antwort hat (und die Grünen offenbar keine klare Lösung für dieses Problem haben). Dass er sich bei so viel Tempo und Nervosität in eine Sackgasse redet, ist absehbar und logisch (06:35): „…es muss den Politikerinnen jede gesellschaftliche Solidarität…äh…, äh, ja wie ist das richtige Wort, äh,… zugesprochen werden“ Ach ja? Sollen die Journalisten diese Plattheit etwa drucken, senden?

Frage eines Journalisten. Habeck beginnt mit (08:20): „Das haben Sie, wenn ich das mal so formulieren darf, ohne dass es naseweis klingt, beides falsch verstanden …“ Nein, Herr Habeck, das dürfen Sie so nicht formulieren. Denn Sie unterstellen dem Journalisten, dass er etwas falsch verstanden hat – aber vielleicht haben Sie sich ja unklar ausgedrückt? Besser: Keine Schuldzuweisung, sondern einfach sagen, was wichtig ist.

Frage: „Wie sehr schadet dieses Ausschlussverfahren den Grünen.“ Habeck redet wieder flott drauflos – ohne Pause; entsprechend lang, verschachtelt und wenig verständlich sind seine Sätze. Erst am Ende gelingt ihm ein klares (und damit zitierfähiges) und überzeugendes Statement (11:00): „Jetzt gibt es die Chance, über ein Verfahren, ein geordnetes Verfahren, um das zu klären, was zu klären ist.“

Goldene Worte: Ein Verfahren, um zu verbessern, was zu verbessern ist. So einfach.

Der BMTD ist unabhängig, überparteilich und ausschließlich der professionellen Kommunikation verpflichtet. Die Auswahl der Interviewpartner und ihrer Zitate sowie die entsprechenden Bewertungen erfolgen ausschließlich nach den BMTD-Empfehlungen für einen erfolgreichen Auftritt und sind deswegen kein Ausdruck einer politischen Richtung.

Autor

BMTD

Prof. Stefan Korol

Kontakt: www.medientraining.info

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