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Der Kandidat der Grünen verspricht einen Politikstil jenseits der Parteienlogik.
Sonja Praxl, 17.02.2026
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Cem Özdemir ist am 19. Januar zu Gast im Podcast „Die Lage im Ländle“ des Waiblinger Zeitungsverlages und stellt sich vor Publikum den Fragen von Frank Nipkau.
Wofür Özdemir inhaltlich in landespolitischen Fragen so genau steht, erfährt man im Interview nicht. Das hat auch mit der Moderation zu tun. Gefragt wird viel nach weltpolitischen Themen (Handelskrieg, Grönland,…) und nach der Beziehung zur Bundespartei. Özdemir nutzt das Gespräch, den Politikstil, mit dem er das Land führen will, vorzustellen. Und das ist durchaus interessant. Er hat bei seinem Auftritt viel richtig gemacht.
Zuerst die Körpersprache: Özdemir sitzt da mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Das sieht zuerst ein bisschen steif aus, aber erspart dem Publikum den breitbeinigen Sitz der alten weißen Männer und vermeidet, durch zu lässig übereinander geschlagene Beine, abgehoben zu wirken. Dann eben ordentlich nebeneinander abgestellt. Erst später im Interview wird er sich entspannter ausstrecken. Durchgehend lebendig sind die Hände, die das Gesagte unterstreichen.
Die rhetorischen Grundregeln sitzen. Das Sprechtempo abwechslungsreich. Mal betont ruhig und nachdrücklich, mal leidenschaftlich und emotional. Humor kann er auch. Nach kaum zehn Minuten hat er das Publikum bereits zum Lachen gebracht. Özdemir spricht ein gepflegtes Schwäbisch, nah am Volk, und spielt gekonnt mit schwäbischen Klischees („des koscht bei mir nix“).
Interessant, wie er sich so ganz en passant eines Vokabulars bedient, das man eigentlich aus konservativen Reihen kennt. Wohl platziert fallen Begriffe wie „Benehmen“, „Anstand“, „Wehrhaftigkeit“. Und immer wieder bringt er in seinen Antworten den „Mittelstand“ unter und „die Unternehmen hier bei uns in Baden-Württemberg“. Da zeigt sich einer ganz selbstverständlich als der natürliche Vertreter der selbstbewussten Wirtschaft – und ja, da schließt er ganz ausdrücklich die Automobilindustrie mit ein. Rhetorisch souverän ist auch, wie er viele Antworten herleitet aus Gesprächen, die er mit Menschen geführt hat. Er malt Bilder in die Köpfe des Publikums: von einem Landesvater, der herumkommt, zuhört, und der das, was ihm die Leute sagen, ernst nimmt. Vom Start-up bis zum Bundeswehrvertreter.
Die Steilvorlage, die die Merz-Regierung derzeit für Kritik böte, lässt er weitestgehend liegen. Özdemir zeichnet ein bigger picture jenseits von Parteipolitik und „Kleinkaro“. Für ihn liegt die Lösung der großen Probleme, vor denen das Land steht, in einer anderen politischen Kultur. Einer Kultur, in der mit Argumenten und in gegenseitigem Respekt nach der besten Lösung gesucht wird. Dafür will er stehen, und dafür, dass er genau das bestens beherrscht, liefert er viele Beispiele aus der eigenen Laufbahn. „Die Parteienlogik macht das Land kaputt. Dass Vorschläge danach beurteilt werden, von wem sie kommen, und nicht danach, ob sie gut sind, das kann nicht sein.“
Und Özdemir packt das Land bei der Ehre: „In einer Welt von Irrsinn und Polarisierung stehen wir in Baden-Württemberg für Vernunft, Maß und Mitte.“ Wer hat’s also erfunden? Genau, die Menschen im Ländle. Pragmatismus ist doch hier zu Hause. Und deswegen passt der Cem da so gut hin. Chapeau.
Tatsächlich bleibt Özdemir respektvoll gegenüber dem politischen Gegner. Ok, mal ein Seitenhieb auf Markus Söder („der Foodblogger aus Bayern“), aber im Kern will er „so über die Konkurrenz sprechen, dass man sich nach der Wahl nicht erst einmal entschuldigen muss.“ Über Manuel Hagel, seinen Widersacher von der CDU, sagt er: „Die Zusammenarbeit habe ich immer als fair und anständig empfunden.“ Möglich, dass er etwas anders denkt, aber er entscheidet sich, nach außen fair zu spielen. So geht wertschätzende Kommunikation.
Zu kuschelig? Nun, für seinen deutlich jüngeren und unerfahreneren Konkurrenten wendet er ein besonderes rhetorisches Mittel en: Er anonymisiert ihn ganz einfach. Statt ihn beim Namen zu nennen spricht er konsequent von seinem Mitbewerber oder Konkurrenten.
Aus Medientrainersicht gibt es nicht viel zu meckern. Der Mann hat sich vorbereitet. Vielleicht hätte man sich etwas mehr Inhalt gewünscht, aber auch darauf hat er eine Antwort: „Ich werde nicht viel versprechen, aber was ich verspreche werde ich halten.“
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